
Fangen wir mal mit einem Klassiker und einem meiner Lieblingsfilmen an!
Pier Pablo Pasolinis letztes Werk war ein Kulturschock und bis heute ist dieser Film immer noch im Giftschrank des FSK zu finden.
Irgendwo in Italien, in der Zeit der Mussolini Diktatur, finden sich vier wohlhabende, aber perverse Wüstlinge zusammen. Auf einem traumhaften Schloss sperren sie sich und einige junge Männer und Frauen ein, um sich sadistischen Orgien hinzugeben. Ihre Gewaltexzesse und Perversitäten haben keine Grenzen, sodass die jungen Bewohner und Bewohnerinnen bald dem Tod ins Auge sehen.
Erwähnenswert ist ,dass der Film genauso wie seine literarische Vorlage von Marquis de Sade in mehrere Abschnitte eingeteilt wurde. Allerdings findet sich eine Hommage an Dantes Göttliche Komödie. Die szenarischen Abschnitte finden jeweils in verschiedenen Kreisen der Hölle statt – bis die vier Herrschaften, die schlimmer als der Teufel persönlich sind – alle aufs grausamste umbringen. Und dabei den Spaß ihres Lebens haben.
Wie oben erwähnt war dieser Film, welcher 1975 der Welt das fürchten lernte, das letzte Werk des Regisseurs. Er wurde kurz vor der Fertigstellung ermordet. Bis heute konnte der Mord nicht geklärt werden.
Meiner Meinung nach ist dies einer der größten Rohdiamanten unserer Zeit. Roh da er nie wirklich fertiggestellt werden konnte. Er ist bei weitem nicht so pervers wie das Buch, das wäre auch unmöglich. Allerdings hat er trotz seiner Jahren die er auf dem Buckel hat, immer noch sehr bildstark und schockierend! Nach viel Handlung muss man da nicht suchen da gibt es nämlich keine. Es ist ein Film voller Zerstörungswut und dem ausüben gottgleicher Macht, doch ein stummer Aufruf, ein stummer Protest, gegen die totalitäre Politik Mussolinis. Seine Aktualität hat der Film nicht einbüßen müssen in den Zeiten von Trump, Bolsonaro, Kim Jong-Un und Salvini brauchen wir solche alptraumhafte Dystopien, dass wir unsere Augen öffnen und unser erleben und Handeln überdenken!
10/10 Punkte weil Geil.
Schön geschrieben!
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Der Film wurde schon fertigstellt; was nicht (von Pasolini selbst) fertiggestellt wurde, das war nur die Übersetzung. Und vor allem ist der Film kein Protest gegen die Politik Mussolinis, sondern ein Protest gegen den Totalitarismus der Konsumkultur und des Konsumismus, der vom Regisseur selbst immer wieder als der „neue Faschismus“ bezeichnet wurde, welcher schlimmer sei als der Faschismus der 20er Jahre, da letzterer die Menschen nie von ihrem Kern her habe verändern können, wohingegen die Konsumkultur das mit „Leichtigkeit“ und in einem historisch atemberaubenden Tempo geschafft hätte. Deswegen auch die Darstellung der Sexualität: selbst in diesem intimsten Lebensbereich der Menschen sei der Konsumismus eingedrungen: die „sexuelle Befreiung“ (die nur zum Teil etwas mit echten Fortschritten in diesem Bereich zu tun hat) erweise sich immer öfter als Zwang, diese „Freiheit“ auch leben zu müssen – und es gäbe, sagt Pasolini, nichts schlimmeres als eine Freiheit zwangsweise zu leben; er sagte deshalb auch voraus, dass es eine Generation geben werde, die sich freiwillige sexuell immer mehr einschränkt und sich dabei auf reaktionäre Argumentationen beruft und dies gleichzeitig als fortschrittlich darstellen wird (wie etwa in Amerika gut sehbar, die Jugendlichen die auf Sex vor der Ehe oder Selbstbefriedigung verzichten). Tatsächlich sieht man an dem Film: Die Jugendlichen erleben Sexualität nicht als Freude – die Sexualität wird ihnen aufgezwungen (von einer Generation mehr oder weniger alter Männer), die diese vor allem als Instrument der Macht verstehen. Aber naja… man könnte noch so viel darüber schreiben… 🙂
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